Wie ein Buch entsteht

Warum schreibe ich? Freunde haben zu mir gesagt: „Was du erlebt hast im Krieg, im Nachkrieg, in der DDR und danach, das schreibe auf! Du hattest immer in Deutsch 'ne Eins, wenn ein Aufsatz geschrieben wurde, du kannst das, du mußt das tun, für dich, für uns und unsere Kinder. So fing ich an aufzuschreiben, was ein kleiner Schuljunge mit seinen zehn Jahren erlebte, als das „Dritte Reich“ zusammenbrach und er auf der Flucht zwischen die letzten Fronten des Krieges geriet. Ich las die Texte vor, meine Freunde ermutigten mich, dieselben doch beim Kulturminister des Landes einzureichen, dort sei ein Arbeitsstipendium für Junge Autoren ausgelobt worden. Ich ließ mich endlich überreden, reichte die ersten Sei-ten meines Buches ein und erhielt tatsächlich 5400 Mark Fördergeld. Dafür kaufte ich mir einen modernen Computer, lernte den zu bedienen und schrieb und schrieb.

Für wen schreibe ich? Ich schreibe für unsere jungen Menschen, die Oberschüler, die Lehrlinge, die Studenten, denn Bücher über den Sozialismus der DDR wurden schon viele geschrieben. Diese Bücher und deren Autoren bzw. Autorinnen erregten zumeist Widerspruch, weil sie versuchen, den "Sozialismus der DDR" zu erklären oder gar zu verklären. Ich schreibe im Gegensatz zu diesen Autoren aus der Sicht des Widerstandes gegen diese „Diktatur des Proletariats." Es gibt sehr viele wissenschaftliche Publikationen zum Thema, aber wer von unseren jungen Menschen liest diese umfangreichen Werke?

Wie schreibe ich? Anfangs war ich mit dem Ergebnis meiner Arbeit nicht zufrieden. Ich hatte viele Zeitzeugen befragt, ich hatte viel Literatur gelesen, ich wußte was ich schreiben wollte – aber es fehlte irgendwie der „Rote Faden“, die richtige Chronologie dessen, was mir geschah. Dann fiel es mir ein, was zu tun ist uns so schreibe ich jetzt: Ich lese in den Bibliotheken die alten Zeitungen von damals, also den „Tagesspiegel“ aus Westberlin, parallel dazu das Organ der SED in Potsdam, die „Märkische Volksstimme“ und andere zeitnahe Publikationen. Mit meinem Notebook notiere ich alles, besorge mir darüber hinaus Kopien der wichtigsten Berichte. So zitiere ich den Text des OKW vom Untergang Potsdams am 15.04.1945 ebenso wie Rede Ernst Reuters vom 9. September 1948 im Tiergarten zu Berlin, ich war dabei an meinem 14. Geburtstag. Die Alltäglichkeiten unseres Lebens damals lese ich wieder, Enttrümmerungsaktionen, die kläglichen Lebensmittelrationen, der „Schwarze Markt“ und wie „das Leben weiter ging“, trotz Hunger, Armut und Kälte. Es ist wie eine „Autosuggestion“ ich träume von gestern und schreibe für heute. Fertige Textpassagen spreche ich auf Tonband, höre meine Sprache und korrigiere sie.
Ich schreibe in großen Bildern. Gefühle der Personen werden nicht in Worte gefaßt. Dazu gesellen sich im Buch an verschiedenen Stellen Metaphern wie beispielsweise die von einem eitlen Erpel, der mit seinem Dünnschiß den ganzen Bauernhof bekleckert und letztendlich im Kochtopf verschwindet, - er steht für den eitlen Funktionär der Arbeiterklasse. Oder der lahme Gaul, der tagtäglich nur in der Bahn seiner Lorengleise laufend die Ziegelei mit Lehm versorgt. Er steht da für die lächerliche Beamtenschaft und ihrem eingeengten Laufbahndenken. Derartige Passagen werden beim Vorlesen durchaus verstanden und erregen fr öhliches Gelächter.

Der Roman "Das Ossi " gliedert sich in drei Teile:

Im ersten Teil unter dem Titel Das Ossi – Erwachen schriebe ich von der Jugend dieses „Helden“ und was ihn beeinflußte. Es geht um einen Jungen, einen Schüler, der seine Orientierung sucht. Um dessen Seele kämpften Mütter ohne Väter, Tanten, sonstige Verwandte und Großväter, die Kirche mit ihren Pastoren und die Partei der Arbeiterklasse mit ihren Genossen. Dieser Held erlebt sein sexuelles Erwachen an der Hand eines etwas älteren Freundes, nicht eines Mädchens, er fühlt, daß er Männer liebt. Es fiel mir sehr schwer, hier den richtigen Ton zu finden, aber es ist mir gelungen. Dieser Teil des Buches ist fertig.

Im zweiten Teil unter dem Titel Das Ossi – Kämpfen schreibe ich vom Weg des Helden vom Forstarbeiter über Abendoberschule zum Studenten der TU in Dresden, vom Diplomingenieur in der DDR zum Rangiergehilfen bei der DR, vom Fahrdienstleiter zum Gleisbauer bei der DR, vom Gleisbauer zum Meister f ür Gleisbau.

Im letzten Teil unter dem Titel Das Ossi – Siegen schreibe ich, wie der Held in seiner Heimatstadt Potsdam mit dabei ist, als es galt, die Kommunisten davon zu jagen und wie er dann in den Vorruhestand "gegangen wird", sehr wenig Geld hat und voller Haß und Empörung zusehen muß, wie der "Freiheitliche Rechtsstaat" mit den Kommunisten von damals gemeinsame Sache und gemeinsame Kasse macht.

Und alles steht unter dem Motto:

Wer die Vergangenheit nicht kennt,
kann die Gegenwart nicht verstehen,
und wer die Gegenwart nicht versteht,
kann die Zukunft nicht gestalten.

Fast acht Jahre lang habe ich die Arbeit am Buch unterbrochen, um mich ganz intensiv dafür einzusetzen, daß die Opfer der SED für erlittenes Unrecht und Benachteiligung im Kommunismus der DDR wenigstens im Rentenalter vom Rechtsstaat materiell entschädigt werden. Dazu kam noch, daß auch ich meine Wohnung in der Altstadt, in der ich 52 Jahre Weihnachten feierte, verlassen und umziehen durfte, weil ich Mietforderungen eines "Herrn Investors" nicht mehr bezahlen konnte.
Ich hatte Erfolg, endlich erhalte ich eine Rente, die es mir ermöglichst, frei von Nebenerwerb aller Art zu leben.

Das Buch wird hier nach und nach erscheinen.


© Hans-Friedrich Bergmann