1.1 Evakuierung

Wir fuhren nach Norden, im Abteil der 3. Klasse Personenzug immer weiter weg von der großen Stadt Berlin. Wir, das waren meine Mutter, meine kleine Schwester und ich. Am Stettiner Bahnhof war Onkel Martin doch noch gekommen, er hatte es sich nicht nehmen lassen, seiner Schwester mit den Kindern eine gute Reise zu wünschen. Viel helfen beim Gepäck konnte er uns nicht: Seine rechte Seite, sein rechter Arm und sein rechter Fuß waren damals schon gelähmt und er konnte auch nicht mehr richtig sprechen. Ich wußte vom reden der Großen. Multiple Sklerose hieß seine Krankheit, kein Arzt konnte ihm helfen. Mutti zu ihm: "Martin, wer hilft dir bloß dir Treppen runter in den Luftschutzkeller, wenn die Sirenen..." und er unterbricht: "ich gehe nicht in den Keller, gebe Gott daß ich schnell sterben darf wenn ich schon sterben muß."

Gleichmäßig trommelten die Waggons ihren Takt auf den Schienenstößen, das weite Land der Mark Brandenburg lag friedlich neben den Gleisen, das alles kannte ich von den vielen Reisen vorher, die Strecke und diesen Personenzug mit den Schildern: "Berlin - Stettiner Bahnhof - Neustrelitz - Neubrandenburg - Stralsund." Diesmal war es keine fröhliche Fahrt zu Großvaters Bauernhof in die Ferien, wir hatten viel mehr Gepäck ich auch meine Schulmappe mit den Büchern, es war jetzt Schulzeit, Mutter hatte mich von meiner Schule in Potsdam ordentlich abgemeldet.

Es war Krieg, totaler Krieg, denn Nacht für Nacht heulten die Sirenen, war Fliegeralarm, fielen Bomben auf Berlin, starben Menschen in den Luftschutzkellern. Die Glasscherben vom letzten Angriff lagen noch auf dem Bahnsteig, zerschossene Waggons und Lokomotiven standen neben den Gleisen, Dampflokomotiven, auf deren Tendern zu lesen war: "Räder müssen rollen für den Sieg !" Unser Zug fuhr jetzt in Kurven, rechts und links um Hügel herum, Hügel, auf denen Buchenwald wuchs, hier und da blinkte ein See. Wir waren jetzt in Mecklenburg. Fürstenberg lag schon hinter uns, noch ein paar Dörfer, dann kam Neustrelitz. Hier wurde wie immer die Lokomotive gewechselt. Ich sah die Rangierer und ihre Signale, hörte deren Pfiffe und Rufen, die Reise ging weiter, es wurde Abend, es wurde dunkel, im Zug brannte kein Licht, denn feindliche Flieger sollten die Züge nicht erkennen, Verdunklung war angeordnet. Ich preßte meinen Kopf gegen die Scheibe, hier kannte ich jede Schranke, jedes Dorf, jeden See. Da war die Einfahrt, ein paar Weichen, unser Dorf, der Zug hielt. "Blan - ken - see !" rief der Schaffner laut, das war nötig, denn die Leute mußten ja wissen, wo sie angekommen waren. Ich öffnete die Abteiltür. Vorne die Signallampen rot und grün, an der Sperre eine trübe Funzel, sonst war kein Licht auf dem Bahnhof. Es war Verdunklung. Mutter stieg zuerst aus, ich gab ihr das Gepäck und half dann meiner Schwester. Da kam auch der Großvater, er empfing uns ohne viele Worte, sein Pferdchen stand mit dem Wagen am Bahnhof, das Gepäck lud er auf, ich half ihm und durfte neben ihn auf den Kutschbock sitzen. Der Weg zu unserem Gehöft war nicht weit. Schwesterchen aber weinte bitterlich: Hatten wir doch in der Dunkelheit den Beutel mit Püppi und Teddybären im Zug liegen lassen.

Fortsetzung folgt


© Hans-Friedrich Bergmann