3.16 Deutschunterricht

1947: Ich komme aus Blankensee, bringe Lebensmittel mit. In Blankensee hatte Großvater eine Kiste Kartoffeln als „Flüchtlingsgut“ aufgegeben.


Mutter stand an ihrem Arbeitstisch, sie plättete Oberhemden und sie freute sich, daß ihr Hänschen wieder da war. "Bist du aber schön braun geworden, hast du dich aber schön erholt!" Sie hatte mich erst morgen erwartet. Ich mußte alles erzählen, wie der Onkel Karl mich heute morgen im Packwagen verstaut hat, von der Kartoffelkiste, bestellte Grüße von Großvater und den Tanten dort. Mutter schaute neugierig auf meinen Rucksack und ich legte alles auf unseren Küchentisch: Das Brot, das Mehl, die Eier, die tatsächlich heil geblieben waren, die Butter und die Kanne Milch. Mutter war sprachlos, als sie diese Schätze sah, und ich fragte, ob diese Kiste schon da sei. Mutter wußte davon nichts und ich erzählte ihr das auch. Mutter freute sich noch einmal, als ich ihr die Sache mit dem "Flüchtlingsgut" erklärte.

Tante Lilo war gekommen, und ich mußte nun alles noch einmal und der Reihe nach erzählen, auch wie die Blankenseer über den Krieg gekommen waren und vom Bauern Gieselher. Mutter war entsetzt. Sie kannte diese Frau und deren Peter, sie sagte, daß sie ein Hemd genäht hatte für den Peter, damals im Krieg in Blankensee. Ich erzählte von Berlin-Gesundbrunnen, der Schwester dort mit der Drogerie, und daß ich heute morgen die Familienbibel dorthin geschafft hatte. Jetzt kam meine Schwester und wir redeten nicht weiter über dieses Thema, denn meine Schwester durfte so etwas nicht hören, sie war noch zu dumm und plapperte den Leuten alles vor, was sie bei den Großen gesehen oder gehört hatte. Ich erzählte also vom Felix und der Lisa, dem Entenbraten, aber nichts davon, welchen "Heldentod" dieses dumme Vieh gestorben war. Tante Lilo hatte Leinöl organisiert, "organisieren" nannten wir damals die nicht ganz legalen Einkaufe. Mutter kochte Pellkartoffeln und weil sie eine Kiste voller "Flüchtlingsgut" erwartete, bekam jeder fünf Kartoffeln auf den Teller. Bei Tisch redete Tante Lilo vom rauchen, steckte sich eine Zigarette an und zeigte meiner Mutter und auch mir, daß sie nur zwei Stück davon in ihrem Etui hatte. Sofort sagte ich zur Mutter: "Ich brauche eine Schachtel Zigaretten, damit ich diese Kiste vom Bahnhof holen kann!" Das mußte auch Tante Lilo einsehen und damit zufrieden sein, daß Mutter ihr nur vier einzelne Zigaretten zuteilte.

In der "Tagespost" hatte gestanden, daß "Volkskontrolleure der Arbeiterklasse" eingesetzt werden um auf Bahnhöfen illegale Lebensmitteltransporte zu beschlagnahmen, insbesondere solche, die als "Flüchtlingsgut" deklariert sind. Diese Kontrolleure sind berechtigt, entsprechende Behältnisse wie Kisten, Koffer und Säcke in Gegenwart des Empfängers zu öffnen und darin enthaltene Lebensmittel zu beschlagnahmen.

Ich ging daraufhin zwei mal täglich zur Gepäck- und Expreßgutausgabe des Bahnhofes, fragte nach meiner Kiste und beobachtete die Arbeit dieser "Volkskontrolleure". Ich stellte fest, daß die erst um 7.oo Uhr etwa anmarschieren, die Eisenbahner aber schon um 6.oo Uhr anfangen mit ihrer Arbeit. Jetzt war meine Kiste mit dem Waggon abends angekommen. Ich hatte alles vorbereitet und sagte in der Tischlerei Bescheid: "Morgen früh geht´s los!" Früh um 5.oo Uhr zogen drei Jungen mit dem großen Plattenwagen, auf dem der Tischler seine Türen und Fenster und Holz transportiert zum Bahnhof. Das war also ich, mein Kumpel aus der Klasse und dessen großer Bruder, der schon in die neunte Klasse ging. Heute morgen lagen 4 hölzerne Rollen, zwei Bohlen und zwei Brechstangen auf dem Wagen. Kurz vor Dienstbeginn der Eisenbahner standen wir schon vor der Tür. Ein alter Eisenbahner kannte noch meine Großmutter und den Großvater. Er half mir. Ich legte ihm meine Papiere vor, die ich beim Bahnhof in Blankensee erhalten hatte und mußte unterschreiben, daß mir das Frachtgut unbeschädigt ausgehändigt wurde. Meine Kiste stand ziemlich dicht an der Tür, heil, unbeschädigt und 58 Kilo schwer. Mit den beiden Brechstangen hoben wir die Kiste an einer Seite an, die erste Rolle wurde unter die Kiste gelegt und mit den Brechstangen schoben wir denn die Kiste nach vorne, dann wurde eine zweite Rolle unter die Kiste gelegt, bevor diese umkippen konnte und so rollten wir die Kiste Meter für Meter zur Rampe. Es ging alles ganz leicht. "So haben schon die alten Ägypter ihre Pyramiden gebaut" kommentierte der Eisenbahner und wir paßten nicht auf: Die Rampe am Bahngebäude war etwas höher als unser Rollwagen, die schwere Kiste fiel vornüber, es krachte wie zerbrochenes Porzellan. Ich gab dem Eisenbahner die Schachtel Zigaretten mit einem Gruß von meiner Mutter. Wir hebelten die Kiste in die Mitte des Wagens und zogen eilig von dannen, den Berg hoch zur Langen Brücke. Oben wollten wie uns verschnaufen, da sahen wir sie kommen, diese "Kontrolleure der Arbeiterklasse" in olivgrünem Drillichanzug, einheitlicher Schirmmütze und einem Aufnäher mit Roter Klassenkampffahne auf dem Oberarm. Die Etiketten und das Schild "Flüchtlingsgut" hatte ich schon von der Kiste entfernt und weggeschmissen. Einer von denen da zeigte auf uns, aber wollten die mir? Wir dürfen doch ein Kiste transportieren, oder? Wir zogen schnell weiter und fühlten uns erst auf der anderen Seite der Brücke sicher vor Kontrollen und machten bei der Bittschriftenlinde Rast. Wir fuhren weiter, niemand belästigte uns. Nach einer Stunde standen wir vor unserem Haus. Als wir nun die Kiste auf die Bohlen hebeln wollten um sie hinunter zu rollen, fiel und das Ding noch einmal runter und aus dem Krach war zu merken, daß nun wirklich auch das letzte Stück Porzellan zerschlagen war. Mit Rollen und Brechstangen wuchteten wir diese Kisten in den kleinen Flur unserer Wohnung, der lag auf gleicher Höhe wie der Hausflur. Die Helfer gingen fort, ich versprach ihnen gleich zu kommen, wenn ich mit meiner Arbeit hier fertig bin. Ich öffnete meine Kiste, das war nicht so einfach, aber ich schaffte es. Deren Inhalt war vollständig angekommen, das schöne Porzellan war nur noch Bruch, das Mehl mit der Butter drin schaffte ich in die Küche und die Kartoffeln in den Keller, und zwar in einem Eimer mit einem Deckel drauf, damit die Nachschaft nicht sehen sollte, daß wir Kartoffeln haben. Meiner Schwester wurde bei Androhung schwerer Strafe verboten, etwas von dieser Kiste anderen Leuten zu erzählen. Mutter machte im Küchenherd Feuer an, damit sich die Herdplatte gleichmäßig erwärmt, und schüttete das feucht gewordene Mehl auf Kuchenbleche, wälzte es mit einem großen Löffel um, damit es wieder trocknet.

Mutter gab mir eine Tüte Mehl, für jeden meiner Helfer eine Scheibe Brot mit guter Butter bestrichen und einen Beutel Kartoffeln. Ich ging damit zur Tischlerei, gab alles der Mutter dort. Sie freute sich, sie war allein mit ihren drei Jungen, wie so viele Mütter allein, sie waren ausgebombt, sie wohnten jetzt beim alten Großvater. Der arbeitete in seiner Tischlerei. Er hatte viele kleine Leisten in verschiedenen Längen, diese Leisten waren 12mm breit, hatten an beiden Längsseiten 3mm tiefe Rillen. Er nagelte Leiste für Leiste in die Fensterrahmen, zwischen die Leisten legte er mehr oder weniger kleine Glasscheiben. Das Fenster war nach getaner Arbeit ein Gitternetz von diesen Leisten, aber dazwischen Glas, nicht mehr Pappe. Er hatte viel Arbeit.. Seine Kunden brachten ihm die Fensterrahmen, Glas und Glasreste in verschiedenen Größen und er nagelte eine Notverglasung zusammen. Davon erzählte ich meiner Mutter.

Ich ging zum Bahnhof, auch der alte Eisenbahner sollte etwas abbekommen vom Inhalt der Kiste. Auf dem Güterboden wurde ich Zeuge, wie zwei "Volkskontrolleure" Kartoffeln beschlagnahmten. Eine Frau mit einem hungrigen Mädchen standen daneben und weinten um ihre Kartoffeln, die ihr der Bruder irgendwo vom Lande geschickt hatte, als "Flüchtlingsgut". Ich aber, der ich mit meinen Freunden einen Sieg über diese "Volkskontrolle" erfochten hatte, kam mir wieder einmal außerordentlich erwachsen vor.

Tante Lilo kam, sie war wie Tante Fridel auch, Muttis Freundin und meine Patentante seit meiner Taufe. Sie hatte als junges Mädchen einen Unfall, konnte seitdem nicht mehr richtig gehen und mußte eine Ausbildung als Schauspielerin abbrechen. Mutter fragte mich nach Goethe und seinem Gedicht, das hatte ich gelernt in Blankensee und nun sollte ich es vor Tante Lilo aufsagen. Alle Verse kannte ich auswendig, nur einmal mußte sie nachhelfen, "soufflieren" nannte sie das. Jetzt las sie das Gedicht aus dem Buch vor. Sie stand vor mir, holte tief Luft und sprach und sprach Zeile für Zeile. Das klang ganz anders. Sie erklärte mir Versmaß und Rhythmus der Sprache, wie man atmen muß und an welchen Stellen Pausen einzulegen sind und wo man fließend weiter sprechen muß ohne Pausen dazwischen. Ich war verblüfft. Ich mußte mich hinstellen, erst ein paar Übungen Gymnastik machen zur Auflockerung und dann sagte sie: "Jetzt stehst Du nicht mehr so verkrampft da, halte deine Hände so wie ich, hole Luft so wie ich und spreche so wie ich. Das tat ich, es machte mir Spaß, Deutsch war meine Lieblingsfach und jetzt: "Bedecke Deinen Himmel Zeus mit Wolkendunst..." Irgendwie merkte ich, daß Mutter etwas von mir wollte, aber sie störte uns nicht. Es war ein warmer Spätsommerabend im August. Wir gingen in den Marlygarten, gleich an der Friedenskirche, dort war "unsere" Bank, davor die Statue der Blumengöttin Flora. Dort machte Mutter Feierabend, so auch heute. Drei alte Damen saßen schon auf der Bank. Tante Lilo ermunterte mich, erst wollte ich nicht wegen der fremden Leute, aber dann legte ich los:

Bedecke Deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst,
Und übe, dem Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöh´n
Mußt mir meine Erde
Doch lassen stehn
Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.
Ich kenne nichts Ärmeres
Unter der Sonn´ als Euch, Götter!
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

.... alle Verse ohne zu stottern, denn "Deutsch" war ja mein Lieblingsfach.

Als ich fertig war, mußte ich erst einmal tief Luft holen. "Bravo, gut gemacht" klatschten die Fremden, bei mir würdest Du dafür in Deutsch ein glattes "sehr gut" bekommen, ich war stolz, meine Mutter und Tante Lilo freuten sich und meine Schwester wollte jetzt auch was erzählen.

Montag hatten wir wieder Schule, und zwar Frühschicht, wir mußten uns klassenweise auf den Schulhof hinstellen und warten. Alle Schüler der fünften, sechsten, siebenten Klassen hatten in einer Gruppe zu stehen, so war das angeordnet worden. Dann kam der Direktor zu unserer Gruppe und las vor: "Zu Klasse 6a gehören die Schüler ... und dann unsere Namen. Ein Lehrer brachte uns in unser Klassenzimmer. Wir freute uns über die neuen Fenster, große helle Fenster hatte unsere Schule wieder an Stelle der Pappscheiben. Ich saß plötzlich unter vielen fremden Schülern, gerade acht Jungen waren mit mir zusammen in der fünften Klasse gewesen, meine Freunde wurde alle anderen sechsten Klassen zugeteilt. Wir waren alle in der Schule neu durcheinander gewürfelt worden, in den höheren Klassen wurde ebenso mit uns Schülern verfahren.

Uns wurde dann mitgeteilt, daß ab heute jeder anwesende Schüler ein Roggenbrötchen erhält, dazu schrieb der Lehrer sofort einen Zettel aus: "Klasse 6a sind 28 Schüler anwesend". Einer brachte den Zettel zum Herrn Direktor. In der ersten Pause auf dem Schulhof wurden die Nachrichten ausgetauscht und die wichtigste Nachricht war, welcher Lehrer "nach dem Westen abgehauen ist" Ein Lateinlehrer, ein Englischlehrer, zwei Mathelehrer und - mein Deutschlehrer, sie waren alle nicht mehr an unserer Schule.

"Gegenwartskunde" stand auf dem Stundenplan. Lehrer Wetters betrat das Klassenzimmer. Wir mußten alle gerade sitzen, Hände auf den Tisch legen, er ging auf und ab zwischen den Reihen und kontrollierte unsere Fingernägel und die Sauberkeit unserer Kleidung. Dann legte er los: "Die Diktatur des Proletariats ist ein Instrument in den Händen der Arbeiterklasse und nach dem Sturz der Bourgeoisie das Ergebnis ihres proletarischen Sieges in der Revolution. Die Anerkennung der Notwendigkeit dieser Diktatur des Proletariats unterscheidet den konsequenten Weg unserer Sozialistischen Einheitspartei als der wahren Interessenvertreterin der Arbeiterklasse von jeder Form des Opportunismus und des Revisionismus der SPD in Westdeutschland unter diesem Genossen Kurt Schumacher.!" Das haben wir alle nicht verstanden, aber etwas kundig war ich hier und heute in unserer Gegenwart in Potsdam denn doch: Ich hatte im "Tagesspiegel" etwas ganz anderes von und über Kurt Schumacher gelesen als das, was dieses Organ der SED, die "Märkische Volksstimme" zu diesem Mann zu berichten hatte und was uns jetzt der Lehrer erzählte. Stille mußten wir sitzen, die Hände auf die Tischplatte legen, der Lehrer Wetters schritt zwischen unseren Bänken auf und ab und wurde immer lauter, zum Schluß brüllte er regelrecht, von den befreundeten Klasse der werktätigen Bauern, von der verbündeten Schicht der schaffenden Intelligenz. Ich war ganz weg, mit meinen Gedanken in Blankensee, ich merkte nicht, daß der Lehrer mich aufgerufen hatte. Mein Nachbar stieß mich an, ich war wieder in der Schule und der Lehrer vor mir: "Ich habe dich gefragt, ob Du mir ein Beispiel erzählen kannst, hier zu dem was ich gesagt habe!" "Ja!" entgegnete ich und fing an: "Ich war in den Ferien mit einer Reisegenehmigung bei meinem Großvater in Blankensee, Großvater hat von der Bodenreform fünfzehn Hektar Land bekommen, das früher einem Gut gehört hatte. Großvater hat mit meinen Tanten das Land bestellt und eine gute Ernte eingebracht, ich habe auch bei der Ernte geholfen. ..." Der Lehrer unterbrach mich, nannte das ein gutes Beispiel, erfragte, weißt Du noch mehr?" Und ich darauf: "Wir mußte zum Bürgermeister gehen wegen der Genehmigung, eine Kiste Flüchtlingsgut von dort per Expreß nach Potsdam aufgeben zu dürfen. Mutter hatte doch einen Teil ihrer Sachen zum Schutz vor Bomben nach Blankensee gebracht, das sollte wieder nach Potsdam. Der Bürgermeister hatte als Verbündeter der Bauern ein Parteiabzeichen der SED am Jackett. Er saß bei bestem Erntewetter in seinem Bürostuhl unter einem Stalinbild, an der Wand hing eine Losung: ... Alle Kraft für unsere Friedensernte! ... eine Frau saß hinter einer alten Schreibmaschine und eine andere malte noch mehr Losungen mit weißer Farbe auf rotem Stoff. Sie saß im kühlen Schatten unter dem Apfelbaum. Gearbeitet haben die Bauern, die Frauen und deren Kinder, nicht die Genossen, die haben gesessen." Den Rest meiner Rede, vom Danziger, dem Hitlerbild vom Gieselher und dem Heldentod der Kommunisten habe ich lieber nicht gesagt. Der Lehrer lief vor Wut rotblau an, er wollte brüllen, kam nicht dazu, die Klasse feixte und lachte, die Klingel schellte, wir bekamen unser Pausenbrötchen und rannten raus.

Nächste Stunde stand "Deutsch" auf dem Plan. Wir warteten. Meine Gedanken waren bei Goethe, Weimar und Zeus, der seinen Himmel bedecken sollte, mit Wolkendunst. Wir warteten. Lehrer Wetters kam rein, dazu der Direktor. Der sagte uns, daß Herr Wetters ab sofort unser Klassenlehrer ist und auch unser Lehrer für Deutsch. Dann verschwand er eilig. Wetters legte los: "Die Arbeiterklasse hat noch weitere Verbündete und zwar die schaffende Intelligenz, das sagte ich schon. Als Beispiel hierzu wurden wir über einen Dichter unterrichtet, der aus München stammte, dessen Vater als Gerichtsdirektor ein williger Diener des Kapitalismus und des Monarchismus und der Bourgeoisie gewesen war. Dieser Dichter ist seinen Weg gegangen vom rebellischen Bürgersohn zum reifen Dichter und Schriftsteller des sozialistischen Humanismus. Er war von den Nazis verfolgt, hatte in der Sowjetunion Zuflucht gefunden und er arbeitet jetzt an vorderster Stelle mit, um die Kultur des Deutschen Volkes zu erneuern. Wir bekamen ein Broschüre, so groß wie ein Schreibheft, herausgegeben vom Verlag "Volk und Wissen" mit dem Titel "Neue Deutsche Gedichte" und dann ging es los mit diesem Gedicht:

Ein Mann, der Deutschland liebt...
von Johannes R. Becher

Ein Mann, der allen Völkern Frieden lehrt,
Und der bei Lenin einst ging in die Lehre,
Ein Mann, in dem ein großes Volk sich ehrt,
Ein Mann, der hält es für die höchste Ehre,
Wenn ihn ein Volk den Mann des Friedens nennt -
Ein Mann in dessen tausenden Bildnissen
Ein Volk in seinem Besten sich erkennt -
Und tiefstes Wissen ist und Weltgewissen -
Ein Mann, der uns die Botschaft hat gebracht,
Daß unser Volk mit seinem Volk verbündet,
Europas Völkern Frieden geben kann -
Ein Mann der Stalin heißt und mit uns wacht.
Ein Mann der Deutschlands wahren Ruhm verkündet
Ein Mann, der Deutschland liebt - und unser Mann!
und so ging das weiter:
Als Stalin sprach:
...
Es folgten ihm die Freunde, Schwestern, Brüder.
Und mancher staunt, welch eine Kraft ich hab!
So folgt ein jeder Stalins Worten nach.
Er spricht ganz nah. Die Worte tönen wieder.
Welch eine Kraft er uns, uns allen gab.
Welch eine Kraft es gab, als Stalin sprach.


Ich saß ganz still, dachte an Goethe, Weimar und Zeus, der seinen Himmel mit Wolkendunst bedecken soll. Ich blätterte in diesem Gedichtsbuch und fand dort auch das alte Arbeiterlied:


Brüder zur Sonne zur Freiheit!
Brüder zum Lichte empor.
Hell aus dem dunklen Vergangen
Leuchtet die Zukunft hervor!
...


und ich dachte an den alten Onkel Heinrich aus Brandenburg, hat es das gemeint, als er um seine SPD weinte, sollte das hier tatsächlich unsere Zukunft sein, die hell hervorleuchtet aus der dunklen Vergangenheit? Den Kopf hatte ich auf meine Hände gestützt, die vier Finger jeder Hand lagen auf der Stirn, mit meinen beiden Daumen drückte ich mir die Ohren zu. Nur von Ferne vernahm ich noch diesen Deutschunterricht und die Stimme des Wetters, die immer lauter wurde und ich drückte mir immer fester die Ohren zu. In dieser Broschüre blätterte ich hin und her, auf allen Seiten fanden sich Hymnen auf die Sowjetunion, von der Sowjetunion und über diesen großen Führer Josef Wissarionnowitsch Stalin. Goethe, Schiller, Uhland, alle diese Gedichte, die ich schon kannte, waren in diesem Gedichtsband nicht enthalten. Es waren ja auch "Neue Deutsche Dichter", waren die anderen veraltet? Lehrer Wetters rief mich auf. Das hörte ich nicht, weil ich mir Ohren zu hielt, ich wollte nichts mehr hören, ich wollte meine Ruhe haben. Ich mußte aufstehen, er stand vor mir. Mit seinen gestreckten Fingern faßte er unter mein Kinn, jetzt mußte ich steil nach oben sehen, ihm ins Gesicht. Seinen Atem roch ich, widerlich zu riechen diese Ausdünstungen von dem Lehrer. "Was hast Du zu sagen zu unserem Dichter Johannes R. Becher?" "Dieser Dichter gehört zur schaffenden Intelligenz, weil er sich vom Bourgeois zur Arbeiterklasse gewendet hat!" sagte ich ihm. "Ja, richtig!" freute sich der Genosse über den Erfolg seines Unterrichts. "Ich möchte noch etwas fragen!" sagte ich. "Ja, bitte, was denn?" antwortete der Lehrer. Darauf ich: "Wenn dieser Dichter zur verbündeten schaffenden Intelligenz gehört, welche Lebensmittelkarte bekommt er denn, Kategorie "A" mit den meisten Rationen oder eine "B" mit nicht ganz so viel zu essen?" Eisige Stille. Harald lachte als erster, dann trauten sich auch die anderen in der Klasse zu lachen und als der Lehrer vom Klingelzeichen erlöst wurde, da tönte von hinten deutlich vernehmbar das Wort "Brüllaffe": Lehrer Wetters hatte seinen Spitznamen weg.

Physikstunde: Unseren Physiklehrer kannte wir, er unterrichtete Mathe in der 5. Klasse, es waren oft Leute vom Schulamt in der Klasse, denn er war ein "Neulehrer" wie sie das nannten. In der "Tagespost" hatte ich längst gelesen, daß sich junge Erwachsene melden können, um sich als Lehrer ausbilden zu lassen. Unser Lehrer war sehr jung, im fehlten zwei Finger an der linken Hand und er hatte ein Holzbein, alles vom Krieg. Wir hatten Optik und erklärte uns den Strahlengang des Lichtes durch die Konvex- und Konkavlinsen. Wir mußten alles aufschreiben, von der Tafel abschreiben, denn Schulbücher gab es nicht. Anschließend hatten wir Mathe, auch bei ihm und zwar Verhältnisrechnung und Prozentrechnung. Auch hier wurde uns alles an die Tafel geschrieben, wir mußten abschreiben. Ich kam wieder zur Ruhe, Stalin, Klassenkampf und Diktatur des Proletariats kamen in Mathe- und Physikstunden nicht vor. Ich konzentrierte mich, ich wollte nichts verkehrt abschreiben.

So waren unsere Schularbeiten: Alles, was wir in der Schule mitgeschrieben hatten, mußten wir in Reinschrift in ein schönes Heft eintragen und dazu noch ein paar Aufgaben rechnen. Die Musikstunde hinterher war eine reine Erholung. Wir sangen unsere alten Volkslieder, eins immer schöner als das andere. Kampflieder der Arbeiterklasse sangen wir bei unserem Musiklehrer nicht.

Zu Hause sagte ich kein Wort, setzte mich an meinen Schreibtisch der eigentlich Vaters Schreibtisch war. Mutter merkte, daß etwas nicht stimmte. Tante Lilo kam, sie wollte fragen, ich gab ihr das Gedicht von Deutschlands bestem Freund. Sie ging in die Küche zur Mutter, die dort Gardinen stärkte. Wieder einmal stritt sich Mutter mit der Tante über Deutschland und die Nazis und ich merkte, daß die Tante die Nazis verteidigte. Und meine Mutter zu ihr: "Sage nicht dem Jungen so etwas, der hat es schwer genug mit diesen Kommunisten fertig zu werden, mach ihn nicht noch mit Deinen Ideen verrückt...!" Das sollte ich sicher nicht hören, aber die Küchentüre war bei einem Luftzug aufgegangen. Ich ging weiter zur Schule, die Sachen vom Klassenkampf und dem großen Führer der ruhmreichen Sowjetunion verstanden wir Schüler nicht, aber wir bemerkten deren Wirkung: Gleich sieben Schüler unserer sechsten Klasse gingen ab sofort in Westberlin zur Schule, sie fuhren jeden Tag mit der S.-Bahn nach Berlin und kamen abends wieder. Es waren die Kinder der Ärzte, Apotheker und Ingenieure, also Kinder von Leuten, die nicht so arm waren wie meine Mutter mit ihrer Gardinenspannerei. Die Kinder lernten dort Prometheus von Goethe und nicht solche Hymnen auf Stalin und die Sowjetunion.

Mutter tat etwas anderes für ihre Kinder: Wir hatten beide im September, also kurz nach Schulbeginn Geburtstag und einen Tag vor meinem Geburtstag ging in der Wohnstube ein Möbelrücken los, bei dem ich anfassen sollte und ich wußte noch nicht warum. Als ich abends von der Schule kam, hatten wir ein neues Möbelstück, ein "Musenmöbel" wie man das so nannte: Mutter hatte mit dem Gold der Großmutter von Leuten, die nach dem Westen gehen wollten, ein wunderbares Klavier gekauft. Am Morgen meines Geburtstages kam noch ein Klavierstimmer, nachmittags kamen die Tanten und ich hatte mir die Freunde von der Tischlerei, diese drei Brüder einladen dürfen. Deren Mutter kam oft zu uns und nähte etwas, denn sie hatte zu Hause keine Nähmaschine. Zum Kaffee gab es Kartoffelpuffer in Öl gebraten, jeder drei große Puffer zum satt werden und hinterher ein Stückchen Kuchen aus Mehl, Butter und zwei Eiern gebacken, diese Lebensmittel hatte ich aus Blankensee mitgebracht. Für die Tanten und Mutter gab es zwei Tassen echten Bohnenkaffee. Tante Fridel spielte Klavier, immer ein Volkslied nach dem anderen und wir sangen alle mit. Ich bekam auch noch andere schöne Geschenke, zwei Bücher mit deutschen Balladen und alten Sagen, ein Paar gebrauchte Schuhe für den Winter und ein warmes Oberhemd. Aus Blankensee hatte ich eine Glückwunschkarte bekommen, die erinnerte mich daran, daß ich Pflichten hatte, daß sie dort etwas von mir erwarteten, das ich im Schreck über meine Kartoffelkiste, diese Stalinhymne und vor Freude über das Klavier fast vergessen hatte.

 

Fortsetzung folgt


© Hans-Friedrich Bergmann